Die Ikone mit der Darstellung der Sibyllen Erythrai und Phrygia hat Alexander Kasanzew im Jahre 1715 gemalt. Sie wurde speziell für die neue Nikolauskirche an der Uferpromenade gefertigt, die von 1700 bis 1717 in Murom errichtet wurde. Gemäß einer Kircheninschrift sind alle Ikonen für diese Kirche im Jahre 1715 gemalt worden.
Die Ikone der zwei Sibyllen entstand aufgrund einer Idee des Moskauer Priesters Dimitrij Christoforow. Er hat mit eigenen finanziellen Mitteln die steinerne Nikolauskirche errichten und ausgestalten lassen, um mit ihr das Andenken an seinen Vater lebendig zu erhalten, der in der am gleichen Ort zuvor befindlichen Holzkirche seinen Dienst verrichtet hatte. An der Innenausstattung der Nikolauskirche an der Uferpromenade in Murom arbeiteten Ikonenmaler aus der Werkstadt des Verkündigungsklosters. Ihr führender Kopf war Alexander Kasanzew. Die Darstellung der Sibyllen befand sich auf der Chorempore in der Kirche. Auf jeder Empore befanden sich jeweils drei Ikonen.
In der antiken griechischen Mythologie wurden als Sibyllen Seherinnen bezeichnet, die in Ekstase versetzt die Zukunft vorhersagten. Zunächst war es ein Eigenname: Eine der Seherinnen, die in alter Zeit gelebt hatte, trug diesen Namen. In der christlichen Tradition gilt, dass die Prophezeiungen der Sibyllen die Ankunft des Heilandes vorausgesagt haben.
In der russischen Kunst werden Darstellungen von Sibyllen im 16. und 17. Jahrhundert beliebt. Literarische Grundlage solcher Darstellungen war das Buch: „Die Prophezeiungen der griechischen Weisen“, in dem sich das Traktat „Über die zwölf Sibyllen“ befand. Dieses Buch ist von mehreren Autoren verfasst worden. Es bestand aus Aphorismen, die den verschiedensten Sibyllen zugeschrieben wurden. In der Mitte des 17. Jahrhunderts wurden die „Prophezeiungen der griechische Weisen“ in die Sammlungen „Die Kyrillischen Bücher“ und „Der rechte Glauben“ aufgenommen.
Die frühsten russischen Darstellungen der Sibyllen finden sich auf den Galerien und den Türen der Verkündigungskathedrale im Moskauer Kreml. Der Maler hat dort einige Sibyllen in königliche Gewänder gehüllt dargestellt. Auf ihren Häuptern tragen sie fürstliche Kronen.
Besondere Verbreitung fanden die Darstellungen der Sibyllen in der zweiten Hälfte des 17. sowie im 18. Jahrhundert. In dieser Zeit bildet sich ein ganzer Zyklus von zwölf Seherinnendarstellungen heraus, der auf europäische Vorbilder zurückgeht. Man findet sie als Miniaturen auf Handschriften zu Texten über Sibyllen und auf Silbernen Gefäßen. Ikonen mit Darstellungen von Sibyllen finden sich eher selten.





