Diese Deesis ist im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts durch einen unbekannten Meister geschaffen worden. Als eine Deesis bezeichnet man in der darstellenden Kunst des Christentums eine Gruppe von Ikonen, in deren Mitte sich die Darstellung von Christi befindet. In der Übersetzung aus dem Griechischen bedeutet „Deesis“ „Bittgebet“, „demütige Bitte“. Bevor die Ikone in das Museum gelangte, befand sie sich in der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte des Erlöserklosters von Murom. Dieses Kloster war 1691 mit dem Geld von Varsonofius, dem Metropoliten von Sarai und Podonskoje, errichtet worden. Er stammte aus dem Geschlecht der Gutsbesitzer Tschertkows, die in der Umgebung von Murom gelebt hatten.
Die Ikone befand sich über einer Tür in der Kirche zu Mariä Schutz und Fürbitte. Die Deesis besteht aus einer ganzheitlichen horizontalen Holztafel und einer Spitze. Sie ist mit Hilfe von geschmiedeten Nägeln an den oberen Teil der Tafel befestigt worden. Die Ikone weist einige ikonographische Besonderheiten auf. Ihre Komposition ist in drei gleiche Teile untergliedert worden. Die auf einer Tafel gemalten Darstellungen sind nicht durch einen gemeinsamen Hintergrund verbunden. Jede der Darstellungen ist in einen breiten Rahmen eingefasst worden und sieht eigenständig aus, indem sie jeweils eine eigenständige Tafel imitiert.
Die Komposition aus drei Teilen ist der am meisten verbreitete Typ der sogenannten „kleinen Deesis“. Solche Ikonen waren ein Schmuckelement von Altartrennwänden, die in Byzanz aufgekommen waren und später in Russland in aus mehreren Figuren bestehenden Ikonenwänden, den Ikonenstasen, integriert wurden. Im späten Mittelalter befanden sie sich oft im Bereich der Treppenstufen über dem Kircheneingang, in Zarengemächern oder Refektorien, was auch die Geschichte der hier vorgestellten Deesis bestätigt. Die dreiteilige Komposition mit den Darstellungen von Christus, der Gottesmutter Maria und Johannes dem Täufer gehört zur einfachsten Variante, die die griechische Bezeichnung „trimorph“, das heißt: aus drei Darstellungen bestehend, erhielt. Auf der Ikone sind alle bis zu den Schultern dargestellt worden, weshalb solch eine Deesis die Bezeichnung „Schulterdeesis“ erhielt. Die Malweise aller drei Gesichter ist eine einheitliche: Sie haben etwas längliche Gesichter und grobe Züge. Die Gewänder sind schematisch, ohne eine feine Ausarbeitung des Faltenwurfs dargestellt worden.
Die weite Verbreitung derartiger Ikonen in der Kunst der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist durch das neue Interesse für antike Figuren und die griechische Tradition ausgelöst worden. Die Ikonographie der Ikone aus Murom kommt vielen Schulter-Deesis-Ikonen aus der Zeit des Übergangs vom 17. zum 18. Jahrhundert nahe. Derartige Arbeiten wurden von Meistern der Rüstkammer geschaffen, von wo aus sie im ganzen Land Verbreitung fanden.




